Für Ulf

Bisher gebe ich mir immer Mühe, dass ich die Sprache eines Landes, in dem ich lebe, lerne. So weit so gut. In Irland gibt es neben Englisch natürlich auch Irisch als Amtsspache. Also habe ich jetzt beschlossen etwas Irisch zu lernen und mich in einen Kurs an der Uni eingeschrieben. Heute ging es dann los mit dieser Sprache, die sich nach ersten Beobachtungen durch zungenbrecherischer Aussprache und unzumutbare Schreibweise auszeichnet.
Unsere Lehrerin empfahl uns übrigens den liefestream des irischen Radiosenders RTÉ RAIDIÓ NA GAELTACHTA zu höhren. Wer allein die Webseite lesen kann, ist mir Meilen voraus…
Dass Irlands Geschichte nicht gerade einer Wanderung durch Blumengärten glich, sollte wohl klar sein. Sehr anschaulich werden einem die schaurigen Zustände im 19 und Anfang des 20JH zum Beispiel im Cork City Gaol vermittelt.
Mit einem uralten Walkman (!!) (Für die jüngeren Leser: Im vorherigen Jahrhundert wurde das Tonband erfunden, was zum Beispiel in Form einer Audiokassette zum Aufzeichnen, Speichern und Abspielen von Audiomaterial verwendet wurde.) ausgerüstet wird man von einem Audioguide durch die Ausstekkung geführt. Leider wurde wohl bei der Aufnahme extrem gespart, denn zumindest die deutsche Variante der akustischen Führung sprüht nicht gerade vor Begeisterung über. Eine litargische Stimme quält sich vielmehr wahnsinnig gelangweilt durch die Kapitel und gibt einen schaurigen Eindruck vom eintönigen Alltag im Gefängnis.
Die Webseite des Gefängnisses ist übrigens auch recht schaurig…
Wer möchte nicht auch mit seinen Worten die Massen begeistern, Mitmenschen auf der ganzen Welt zu Tränen rühren, den heimlichen Schwarm für sich gewinnen, sich eine saftige Gehaltserhöhung erquatschen oder einfach nur die Weltherrschaft an sich reißen?
Wenn es mit keinem der obigen Punkte bisher geklappt hat, hilft unter Umständen eine Reise zum Blarney Castle. Dort küsst man einfach den Stein der Redegewandtheit und kann der Saage nach fortan jeden mit hohlen Floskeln und blumigen Phrasen um den Finger wickeln. Da zahlt sich so ein Flugticket nach Irland doch schnell aus
Natürlich möchte ich auch die Weltherr* (*räusper*) Welt verbessern und habe den Stein geküsst. Das stellt sich aber als nicht so einfach heraus, weil man kopfüber in ca 30 Metern Höhe hängt und von einem Angestellten gehalten werden muss. Der Typ macht übrigens den ganzen Tag nichts anderes als Touris an der Hüfte festzuhalten — und das schon seit Jahren! Was ist da eigentlich die Jobbezeichnung (Hüfthalter?) oder gar –beschreibung?
Auf dem Rückweg von Cobh besuchten wir noch den Fota Wildlife Park und spazierten gut drei Stunden durch Gehege und frei herumlaufende Tieren aller Art. Erfreulicherweise hatte der Park anlässlich des Valentinstags sogar ein Sonderangebot für Pärchen (wir zahlten nur die Hälfte, plus Studentenrabatt, Jippy!).
Dieses Angebot muss wohl in einer Lokalzeitung gestanden haben, denn es wandelten eine Menge Pärchen mit verträumtem Blick durch die Gegend und schauten sich eher gegenseitig in die Augen als die Tiere zu beobachten.
Auch die nichtmenchlichen Primaten waren wohl ganz auf Romatik eingestellt und zeigten ihre Zuneigung untereinander indem sie sich gegenseitig das Ungeziefer aus dem Pelz fraßen. Yummy…
Am Wochenende führte uns ein Ausflug der International Student’s Society in den Süden Irlands nach Cork.
Am Samstag machten wir uns von dort aus mit dem Zug auf nach Cobh, einem kleinen Küstenort in der Nähe. Dort reihen sich viele bunte Häuser in allen Farben des Regenbogens aneinander und machen Lust einfach durch den Ort zu streifen und den Blick schweifen zu lassen.
Was man der Idylle allerings nicht ansieht, sind die tragischen historischen Ereignisse, die sich hier abgespielt haben oder ihren Lauf nahmen: Cobh war zu Zeiten der großen Hungersnot in Irland Mitte des 19.JH einer der wichtigsten Häfen und geschätzte drei Millionen Menschen bestiegen hier ein Schiff in der Hoffnung in den USA eine lebenswertere Zukunft zu finden. Auch die Titanic lief hier übrigen das letzte Mal vor Anker.
Mehr Bilder findet Ihr hier!
In den letzten Tagen hat es bereits so viel geschneit, dass ein paar Kinder auf dem Südcampus der Uni sogar einen total witzigen Schneemann gebaut haben!
Die Älteren liefen scharenweise mit Kameras durch den Ort und versuchten die weiße Decke so gut es ging in Bildern zu verewigen.
Als krasser Kontrast steht dem das aktuelle Obst-Angebot im Aldi entgegen. Pro Monat sind hier immer sechs Obst– und Gemüsesorten extrem vergünstigt. Im Februar gibt es nun Kistenweise Erdbeeren für gerade einmal 79cent. Für diesen Preis würde man sie hier nicht einmal bekommen, wenn sie neben dem Supermarkt wachsen würden — und das im Februar? Sollten man ihnen vielleicht sagen, dass wir hier nicht auf der Südhalbkugel sind???
Dass es hier oft und gerne regnet ist nichts Neues. Neu ist allerdings, dass der Niederschlag in den letzten Tagen in Form von Schnee herunterkommt. Ok, das kommt auch schon einmal vor hier. Aber heute ist der Schnee liegen geblieben! Das ist in Irland eher selten der Fall und auch die Iren trauten ihren Augen kaum. Ähnlich wie in Großbritanien haben hier viele Menschen keine Winterreifen und so ist das Verkehrschaos an vielen Orten natürlich vorprogrammiert. Photos des Campus‘ im Schnee gibt’s hier.
Den Sonnatg Vormittag verbrachten wir mit Spazieren gehen und Kaffee trinken. Es gibt nicht gerade ein Überangebot an Sehenswürdigkeiten in Galway und innerhalb von zwei Stunden hat man eigentlich alles Wichtige gesehen.
Interesant fand ich aber eine kleine Geschichte, die sich Ende des 15. Jahrhunderts dort zugetragen haben soll: Der Bürgermeister James Lynch hatte einen so ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, dass er seinen eigenen Sohn wegen Mordes zum Tode verurteilte. Als jedoch niemand das Urteil vollstrecken wollte, tat er dies selbst und ging danach in ein Kloster. Die Geschichte gilt als mögliche Ursache für den Begriff Lynchjustiz.
Wieder was dazugelernt, gell?