Die Zukunft Europas in den Händen der Iren

Nach­dem die Iren im Juni letz­ten Jah­res den Ver­trag von Lis­sa­bon abge­lehnt haben, muss­ten sie heute noch ein­mal dar­über abstim­men. Alles deu­tet dar­auf hin, dass er dies­mal ange­nom­men wird. Was hat sich in den letz­ten 16 Mona­ten verändert?

Laut Umfra­gen sind die Iren dies­mal bes­ser infor­miert aber ich frage mich manch­mal woher. Ich meine, die Pla­kate der Yes– und No-Kampagne schei­nen mir ebenso popu­lis­tisch, über­trie­ben und teil­weise falsch, wie im letz­ten Jahr. Beide Sei­ten ver­ste­hen sich offen­bar dar­auf, Fak­ten los­ge­löst vom Kon­text dar­zu­stel­len, Wahr­heit und Mög­lich­keit zu ver­wech­seln und Halb­wahr­hei­ten zu ver­brei­ten. Obwohl ich ver­sucht habe, mich halb­wegs objek­tiv zu infor­mie­ren, fühle ich mich immer­noch genauso schlau wie zuvor. Hier ein paar Beispiele:

Die No-Kampagne will punk­ten, indem sie das Ende der mili­tä­ri­schen Neu­tra­li­tät Irlands beschwört. Angeb­lich gibt es Soli­da­ri­täts­klau­seln für den Fall eines ter­ro­ris­ti­schen Angriffs. Die Yes-Seite beruft sich da auf eine Zusage der EU, dass Irland wei­ter­hin neu­tral wäre. Die Geg­ner des Ver­trags argu­men­tie­ren wie­derum, dass diese Zusa­gen nicht recht­lich bin­dend wären. Ähnli­che Dis­kus­sio­nen gibt es zum Thema Abtreibung.

Die neuen Rege­lun­gen für die Abstim­mung sind ebenso hef­tig umstrit­ten. Viele meine, dass es gerecht wäre, dass jedes Land genau eine Stimme hat, so wie jeder Bür­ger genau eine Stimme hat in einer Demo­kra­tie. Aber Moment: Ist dies nicht anma­ßend, wenn man über­legt, dass es ca 80 Mil­lio­nen Deut­sche, 63 Mil­lio­nen Fran­zo­sen, 45 Mil­lio­nen Spa­nier und gerade ein­mal 4 Mil­lio­nen Iren gibt?! Ist es außer­dem sinn­voll eine prak­tisch hand­lungs­un­fä­hige EU zu haben, in der alle rele­van­ten Ent­schei­dun­gen von nur einem Staat blo­ckiert wer­den kön­nen? Auf eini­gen Pla­ka­ten wird ganz offen Stim­mung gegen die Deut­schen betrie­ben und die Angst geschürt, Deutsch­land und Frank­reich wür­den in der EU in Zukunft quasi allein ent­schei­den. Irre ich mich denn so sehr, wenn ich denke, im Ver­trag steht, dass 55% der Staa­ten oder 65% der Bevöl­ke­rungs­an­teile zustim­men müssen?

Außer­dem gibt es natür­lich eine große Debatte zum Thema Geld: Klar, jeder bekommt lie­ber Geld, als etwas zu zah­len. Aber man­che Men­schen schei­nen wirk­lich zu den­ken, dass das Geld in Brüs­sel ein­zig und allein für Irland gedruckt wird. Auch was direkte EU-Steuern angeht, kur­siere die wil­des­ten Gerüchte und Halb­wahr­hei­ten, die sich teil­weise extrem widersprechen.

Und zu guter Letzt: Die Rezes­sion hat Irland stark getrof­fen und den cel­tic tiger zur Stre­cke gebracht. Die Befür­wor­ter des Ver­trags wer­ben nun mit der Aus­sicht, dass die Lage nur mit Hilfe der EU ver­bes­sert wer­den kann. Ja, mag sein, aber wie kon­kret spielt der Ver­trag von Lis­sa­bon da hin­ein? Und den­ken Men­schen wirk­lich, dass sie nach einem posi­ti­ven Votum am Mon­tag Mor­gen sofort wie­der einen Job haben?

Ver­steht mich nicht falsch. Ich bin kei­nes­wegs Europa-kritisch, aber ich kann mitt­ler­weile sehr gut ver­ste­hen, warum viele Iren auch nicht so recht wis­sen, was sie wie über was oder auch nicht abstim­men sollen.

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